Schlagwort-Archiv: Zwangsarbeiter

Südwestfriedhof

Fulerumer Straße, 45149 Essen | 51.435096, 6.966655‎ | +51° 26′ 6.35″, +6° 57′ 59.96″

(we have also compiled facts about this cemetery in English)

Der Südwestfriedhof ist ein Ort, an dem es mindestens vier für unser Spiel interessante Geschehnisse aufzuarbeiten gibt. Fragt die Falken-Mitarbeitenden, die euch begleiten, mit welchem der folgenden Abschnitte ihr euch beschäftigen solltet.

Südwestfriedhof Eingang

[1] Die Morde am Montagsloch

Auf dem Friedhof ruhen die Leichen von 34 sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie wurden im März 1945 von der Gestapo erschossen, da diese Platz im Polizeigefängnis schaffen musste. Die Kriegsgefangenen wurden mit Telefondraht gefesselt und zum so genannten Montagsloch transportiert. Heute erinnert ein Gedenkstein im Gruga-Park an die Morde. Nach dem Erschießungskommando verscharrten die Gestapo-Beamten ihre Opfer in einem Bombentrichter. Die provisorischen Gräber wurden am 28. April 1945 von den Alliierten entdeckt. Die Leichen wurden ausgegraben und an Ort und Stelle würdig beigesetzt. Später fanden die Ermordeten ihre letzte Ruhe auf dem Südwestfriedhof.

Morde am Montagsloch Artikel

Ein Artikel aus der Neuen Ruhrzeitung vom 5. Mai 1995 zu den Morden am Montagsloch

Zum historischen Hintergrund: in den Jahren 1941-1945 gerieten mehr als fünf Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. 3,3 Millionen von ihnen überlebten ihren erzwungenen Aufenthalt in Deutschland nicht. Die Unterbringung der Verschleppten war zumeist katastrophal. Viele Kriegsgefangene erkrankten an Epidemien, da die hygienischen Bedingungen sowie die Nahrungsmittelversorgung desaströs waren. Den Nazis ging es darum, die Arbeitskraft der Gefangenen so weit wie möglich auszubeuten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte viele zurückgekehrte ehemalige Kriegsgefangene erhebliche Probleme, sich in die sowjetische Gesellschaft einzugliedern. Die Kriegsgefangenschaft in Deutschland wurde unter Josef Stalin (Diktator in der Sowjetunion 1927-1953) vielfach als Verrat ausgelegt. Knapp 15% der ehemals in Hitler-Deutschland Inhaftierten wanderten in der Sowjetunion – als Strafe für ihren angeblichen „Verrat“ – ins Arbeitslager.

 

Aufgabe zu [1]

1) (++ / anspruchsvoll) Was sagt die Behandlung der Zwangsarbeitenden über das Hitler- bzw. über das Stalin-Regime aus? Versucht das Verhältnis dieser beiden Regime zum einzelnen Menschen und dessen Schicksal zu beschreiben. Ihr könnt zusätzliche Recherchen anstellen, um die Frage beantworten zu können.

 

[2] Letzte Ruhestätte für Zwangsarbeiter, KZ-Insassen und politische Persönlichkeiten

Auf dem Südwestfriedhof wurden zudem 321 Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes beigesetzt. Diese Menschen kamen hauptsächlich aus der Sowjetunion und aus Polen. Auch die Urnen von 20 ehemaligen KZ-Häftlingen fanden hier ihre letzte Ruhe. Ebenso liegen bekanntere politische Personen hier begraben: etwa Heinz Renner, erster Oberbürgermeister Essens nach dem Krieg. Nach ihm ist heute das Heinz-Renner-Haus in der Severinstr. 1(Büro der Partei „Die Linke“) benannt. Auch Otto Hue – führender Funktionär des alten Bergarbeiterverbandes – hat hier seine letzte Ruhe gefunden.

Zwangsarbeiterin

Die Russin Zinaida Sterck-Walichowa war eine von zahlreichen Essener Zwangsarbeiterinnen (Bildquelle: Horst Zimmer).

Aufgabe zu [2]

1) (+ / für Einsteiger und Einsteigerinnen geeignet) Hört euch das Lied „Die Moorsoldaten“ an (Version des Liedermachers Hannes Wader). Was sagt euch dieses Lied über erzwungene Arbeit im Allgemeinen und das „Leben“ im Konzentrationslager im Besonderen? Welche Hoffnung scheint gegen Ende des Liedes durch? Was haltet ihr von dem Lied?

 

[3] Opfer des Kapp-Putsches (1920)

Desweiteren sind Opfer des rechten Kapp-Putsches (1920) hier beerdigt worden. Bei diesem Putsch versuchte eine Gruppe Rechtsradikaler unter Führung des Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp die noch junge Weimarer Republik zu stürzen und in eine Militärdiktatur zu verwandeln. Am Kapp-Lüttwitz-Putsch beteiligten sich viele Reichswehrangehörige, die die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg nicht verwunden hatten und die demokratischen Kräfte Weimars dafür verantwortlich machten (Dolchstoßlegende). Die demokratische Republik von Weimar war diesen Menschen ein Dorn im Auge. Dem Kapp-Putsch stellten sich viele Tausend politisch linke Arbeiter und Arbeiterinnen entgegen. Der tätige Widerstand dieser Menschen, gepaart mit einem Generalstreik, konnten den Putsch schließlich vereiteln. Viele Anhänger Kapps trugen damals schon das Hakenkreuz am Helm.

 

Aufgaben zu [3]

1) (++ / anspruchsvoll) Was denkt ihr: warum war eine Diktatur, in der das Militär das Sagen hat, nicht im Interesse der Arbeiterinnen und Arbeiter? Denkt daran, dass kurz vor dem Kapp-Putsch der Erste Weltkrieg (1914-1918) Europa verwüstet hatte.

2) (++ / anspruchsvoll) Hört euch das Lied „Im blauen Hemd“ an. In einer anderen Variante des Songs heißt es „Nie, nie woll’n wir Waffen tragen, nie, nie wollen wir wieder Krieg. Lasst die hohen Herr’n sich selber schlagen – wir machen da nicht länger mit!“ Wer sind die „hohen Herren“ und warum sollen sie sich selber schlagen?

3) (+ / für Einsteiger und Einsteigerinnen geeignet) Findet heraus, inwieweit Wolfgang Kapp juristisch für den Putsch-Versuch bestraft worden ist. Was sagt euch das Ergebnis eurer Recherche über die junge Weimarer Republik?

 

[4] Opfer des Bombenkrieges

Angrenzend an die Fulerumer Straße befinden sich auch Gräberfelder, die an die Opfer des Bombenkrieges erinnern, auf dem Südwestfriedhof. Bei einem Bombenkrieg (andere Bezeichnung: Luftkrieg) handelt es sich um den Versuch von Streitkräften, durch flächendeckende Bombardements strategisch wichtige Orte des Gegners zu zerstören, ohne die eigenen Bodentruppen direkt in einen Kampfeinsatz – also in Gefahr – schicken zu müssen. Sehr hohe Verluste in der Zivilbevölkerung werden bei dieser Kriegstaktik in Kauf genommen; verheerende Verwüstungen sind die Folge.

Im Zweiten Weltkrieg hatte Hitler-Deutschland diese Strategie zunächst auf Polen angewandt (1939). Die Nazis griffen hierbei auf Erfahrungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) zurück. Die Wehrmacht – die Armee des Nazi-Regimes – machte so mehrere polnische Orte dem Erdboden gleich und verschuldete den Tod von tausenden Menschen. Auch bei ihren Angriffen auf die Niederlande richteten die Nazis durch Luftangriffe gewaltige Schäden an. Der Versuch Hitler-Deutschlands im Jahre 1940 Großbritannien mit Luftangriffen in die Knie zwingen zu wollen, scheiterte. Im Gegenzug flogen die Briten nun Angriffe gegen deutsche Städte. Auch Essen war Ziel der englischen Streitkräfte. 1942/43 wurden die Essener Innenstadt sowie die Krupp-Werke von mehreren hundert britischen Fliegern angegriffen. Hierbei wurden mehrere tausend Gebäude zerstört und hunderte Menschen fanden den Tod. Die von den Nazis losgetretene Gewalt war einmal mehr nach Deutschland zurückgekehrt. In dem Gräberfeld, auf dem ihr euch gerade befindet, ruhen einige der Essener Getöteten des Bombenkrieges.

SW Blume

SW Platte

Zwischen den Gräbern befindet sich eine Steinplatte. Diese wurde von den Nazis 1943 installiert. Sie ist bis heute weder entfernt noch ersetzt worden.

 

Aufgaben zu [4]

1) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Lest euch die Inschrift der Steinplatte durch, die zwischen den Gräbern in den Boden eingelassen ist. Notiert euch in Stichpunkten, was ihr von dem Satz haltet. Was wollten die Nazis mit der Installation dieser Platte bezwecken?

2) (++ / anspruchsvoll) Lest euch den Text [4] auf dieser Seite durch und denkt über das Schicksal der hier Beerdigten nach; anschließend versucht ihr, einen alternativen Satz zu formulieren, der auf der Steinplatte stehen könnte. Besprecht in der Gruppe, was für eine Inschrift ihr bevorzugen würdet.

Rathaus / Schwarze Poth

Schützenbahn, 45127 Essen | 51.456922, 7.014295‎ | +51° 27′ 24.92″, +7° 0′ 51.46″

(a description of the role Essen’s town hall played in 1933 is also available in English)

Rathaus Essen

Im Essener Rathaus fand am 12. März 1933 die einzige und letzte Stadtverordnetenwahl nach Hitlers Machtantritt statt. Die NSDAP – Partei Hitlers – und die Deutschnationalen erreichten hierbei 37 Sitze. Die weiteren Sitze verteilten sich wie folgt: Zentrum 32 Sitze, Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 12, Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 9, christlicher sozialer Volksdienst 1 Sitz. Am 26. Mai 1933 wurden die SPD-Ratsherren durch die so genannte „Sturmabteilung“ der Nazis (SA) mit Gewalt aus dem Rathaus vertrieben. Die KPD-Ratsherren waren zu diesem Zeitpunkt bereits inhaftiert. Danach hatten NSDAP und Deutschnationale die Mehrheit inne. Im Herbst 1933 legt eine neue Gemeindeordnung fest, dass Ratsherren nunmehr ernannt werden sollten.

Nach ihrer Machtübernahme 1933 verstärkten die Nazis den Druck auf alle anderen Parteien und politischen Verbände. Am 1. Februar 1933 wurde der Reichstag aufgelöst, am 4. Februar Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Am selben Tag veranlassen die Nazis die Zerschlagung sämtlicher Gemeindevertretungen Preußens und setzen Neuwahlen für den 12. März an. Räte und Bürgermeister, die nicht im Sinne der Nazis sind, werden nun rechtswidrig inhaftiert. Am 27. Februar wird der Reichstagsbrand von den Nazis dazu genutzt, politische Gegner zu verfolgen, in so genannte „Schutzhaft“ zu nehmen. Im Zuge des Brandes werden weitere Grundrechte von den Nazis für nichtig erklärt. Am 5. März gibt es Neuwahlen; NSDAP und Konservative erreichen hier eine knappe Mehrheit. Die anderen Parteien werden von den Nazis massiv behindert, etwa durch Einschüchterungen oder das Aberkennen von Mandaten. Auf diese Art gelingt es den Nazis, eine Zwei-Drittel-Mehrheit für das Ermächtigungsgesetz zu bekommen. Dieses Gesetz legt die legislative (Gesetze machende) Gewalt in die Hände der Reichsregierung. Zur Abstimmung waren KPD-Abgeordnete nicht mehr zugelassen, auch einige SPD-Funktionäre wurden im Vorfeld inhaftiert. Im Juni/Juli 1933 werden SPD, Zentrumspartei und Deutschnationale Volkspartei (DNVP) aufgelöst bzw. verboten. Am 14. Juli 1933 erlässt die Reichsregierung ein Gesetz gegen die Neugründung von Parteien. Am 2. Mai 1933 waren bereits die Gewerkschaften von den Nazis zerschlagen worden.

 

Verwaltung des Buchenwald-Außenlagers „Schwarze Poth 13“

429px-Gedenktafel_KZ-Außenlager_Essen,_Schwarze_Poth

Unterhalb der Rathaus-Passage befand sich zu Zeiten des Hitler-Regimes die Verwaltung eines Außenlagers des Konzentrationslagers Buchenwald. In der heutigen Innenstadt schufteten rund 150 Zwangsarbeiter, die Trümmerteile beseitigen mussten. Auftraggeber waren die „Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH“. Die Insassen des Lagers stammten mehrheitlich aus Russland (90) und Polen (40), sowie aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Dänemark und Luxemburg. Es handelte sich ausschließlich um Männer. Die Zwangsarbeiter waren angewiesen worden, verwertbares Material – wie etwa Ziegelsteine – aus den Trümmern des zerstörten Stadtzentrums zu bergen. Laut einer Inspektion der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes am 10 . Juli 1944, befand sich das Arbeitslager auf einer Fläche von 350×100 Metern. Da das Gelände für die Nazis schwer zu überblicken war, mussten relativ viele Wachposten eingesetzt werden, die die Zwangsarbeit der Inhaftierten überwachten. Die Inhaftierten wurden auch für die Entschärfung von Blindgängern missbraucht. Blindgänger sind Bomben, die bei ihrem Aufprall auf die Erdoberfläche nicht explodiert sind. Blindgänger unschädlich zu machen, gehört somit zu den gefährlichsten Arbeiten überhaupt.

Untersuchungen, die zwei Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg stattfanden, kamen zu dem Schluss, dass die Versorgung der Zwangsarbeiter mit Nahrung und Arbeitsmaterialien unzureichend gewesen ist. Aufgrund von Kräfteverfall fanden mehrere Inhaftierte den Tod. Das Lager wurde 1945 aufgelöst, noch bevor die Alliierten Essen einnahmen. Die Häftlinge wurden ins KZ Buchenwald deportiert.

Stadtwunde

2002 schufen Werner Ruhnau und Astrid Bartels die Erinnerungsstätte „Stadtwunde“. Auch eine Gedenktafel gibt es hier zu entdecken (siehe oben). Die hier aufgeführten Informationen stammen aus Ernst Schmidts Büchern „Lichter in der Finsternis“. Die Bände des bekannten Essener Historikers beleuchten die Geschichte der NS-Herrschaft wie auch den Widerstand gegen selbige.

Schwarze Poth

Eine Abbildung der KZ-Außenlager-Verwaltung „Schwarze Poth 13“ aus der Sammlung Horst Zimmers. In der Essener Humboldtstraße gab es zur Hitler-Zeit ein weiteres KZ-Außenlager.

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulkassen

1) (+ / für Einsteiger und Einsteigerinnen geeignet) Die „Stadtwunde“ erinnert an die Opfer des Faschismus. Warum könnten Ruhnau und Bartels diesen Namen ausgewählt haben? Inwieweit ist dieser Ort eine Wunde? Findet ihr den Namen geeignet, fallen euch alternative Bezeichnungen ein? Schreibt einen kleinen Text, in dessen Verlauf ihr die Fragen beantwortet.

2) (++ / anspruchsvoll) Der „Schwur von Buchenwald“ wird oft überschrieben mit den Worten „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus.“ Recherchiert im Internet, worum es sich bei diesem Schwur handelt. Als nächstes überlegt: wie sieht euer Rezept gegen Faschismus auf? Was können Menschen und Gesellschaften tun, um faschistische Ideen kleinzuhalten und nicht zur Bewegung werden zu lassen? Haltet eure Gedanken schriftlich fest.

3) (+ / für Einsteiger und Einsteigerinnen geeignet) Im Buchenwaldlied heißt es „Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht, die Kolonnen zieh’n zu des Tages Müh’n“. Was denkt ihr über das Lied? Worum geht es dem Sänger? Fallen euch ähnliche Lieder ein?

Terrassenfriedhof in Schönebeck

Kaldenhoverbaum 55, 45359 Essen

Hier gibt es zwei große Gräberfelder, in denen Opfer des Bombenkrieges, Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes ruhen. Auch das Grab des Widerstandskämpfers Karl Lomberg befindet sich auf diesem Friedhof. Lomberg gehörte einer kommunistischen Widerstandsgruppe an und wurde mit 26 seiner Kameradinnen und Kameraden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Dies geschah am 20. Oktober 1944.

Terrassenfriedhof Totenhalle

Dies ist die Fassade der Trauerhalle auf dem Terrassenfriedhof.

Der „Volksgerichtshof“ (VGH) wurde 1934 als Sondergericht gegründet – sein Ziel: die Verurteilung unliebsamer Personen wegen „Hoch- und Landesverrats“ gegen das Nazi-Regime. Die Gründung geht auf einen Beschluss Hitlers zurück, der politischen Widerstand der unabhängigen Justiz entziehen und rigoroser ahnden wollte. Am 18. April 1936 wurde der VGH in ein so genanntes ordentliches Gericht umgewandelt. Ihm kam nun eine „volkshygienische Aufgabe“ zu. Der VGH sollte die „Seuchengefahr“, die angeblich von politischen Angeklagten ausging, bekämpfen. Die Nazis sahen – gemäß ihrer rassistischen Weltanschauung – die Bevölkerung als Körper, der vor allem „Schädlichen“ geschützt werden müsse. Als schädlich im Sinne der Nazis galten bereits politische Meinungen, die von der offiziellen rassistischen Lehre abwichen.

Terrassenfriedhof Gräber

Die Gräber der Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen auf dem Terrassenfriedhof.

Der VGH fällte regelmäßig Todesurteile, deren Zahl mit Kriegsbeginn 1939 rapide anstieg. 1936 wurden elf Menschen auf Geheiß des VGH ermordet – 1943 waren es bereits 1662. Bis 1945 wurden schätzungsweise 5200 Todesurteile vollstreckt. In den Fokus des VGH konnte schon geraten, wer beispielsweise Nachrichten ausländischer Radiosender hörte oder kritische Urteile über Hitler fällte. Auch Zweifel am angeblich bevorstehenden „Endsieg“ der Nazis konnten zu einem (kurzen) Prozess führen.

Am 3. Februar 1945 wurde das Gebäude des VGH in Berlin durch einen Bombenangriff zerstört; hierbei kam der als besonders brutal geltende VGH-Präsident Roland Freisler ums Leben. Der VGH verhängte insbesondere gegen die Mitglieder von (antifaschistischen) Widerstandsgruppen Todesurteile. Zu den betroffenen Gruppierungen zählten die Rote Kapelle, die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, die Weiße Rose, die Edelweißpiraten, der Kreisauer Kreis und die Attentäter des 20. Juli 1944 um Graf Stauffenberg.

Terrassenfriedhof Tafel

Auf dem Friedhof in Essen-Schönebeck erinnert eine Tafel an die Geschichte der hier Begrabenen.

Zeitungsartikel 1989 - Behandlung russischer Zwangsarbeiter in Essen

Ein Zeitungsartikel, der die Situation der Zwangsarbeiter in Essen thematisiert (Quelle: Horst Zimmer).

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Der Maler Otto Dix erlebte als Soldat den 1. Weltkrieg und hat seine Erlebnisse später in schockierende Bilder gebannt. Gebt den Namen des Malers bei der google-Bildersuche ein. Betrachtet seine Werke. Wählt ein Gemälde aus und versucht, es zu beschreiben. Was ist vordergründig zu sehen? Welche Atmosphäre wird vermittelt? Sucht euch einige Bilder aus und überlegt, welches am besten zum Schicksal der auf dem Schönebecker Friedhof Begrabenen passt. Begründet eure Entscheidung.

2) (++ / anspruchsvoll) Überlegt, ob ihr auch jemanden in eurer Gruppe habt, der / die gut zeichnen kann. Entwerft ein eigenes Motiv, welches auf die Geschichte der hier beerdigten Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter anspielt.

Eisenbahntunnel Grunertstraße

Nöggerathstraße / Grunertstraße, 45144 Essen | 51.454582, 6.959792‎ | +51° 27′ 16.50″, +6° 57′ 35.25″

(a description of the part the tunnel played during World War II is also available in English)

Im Essener Stadtteil Frohnhausen befindet sich ein Tunnel, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs als Lager für Kriegsgefangene genutzt wurde. Der Tunnel verlief unter der heutigen Zugstrecke Duisburg-Dortmund. Heute dient er als Unterführung. Auf Höhe des ehemaligen Freibads West (wurde 2002 geschlossen) findet sich eine Gedenktafel:

Tunnel Grunertstraße 1

„Während des Zweiten Weltkriegs war dieser Tunnel die Unterkunft für 170 Kriegsgefangene.“

Die Tafel wurde mittlerweile von unbekannten Tätern demoliert. Ein Schicksal, welches sie mit zahlreichen Orten des Gedenkens und der Erinnerung teilt. Überall in Deutschland schänden Menschen aus dem rechten politischen Spektrum Stätten, die an faschistische Untaten und deren Opfer erinnern sollen.

In Essen-Altendorf, nördlich des Tunnels, gab es ein Lager, in dem 644 französische Kriegsgefangene eingesperrt waren. Am 27. April 1944 wurde dieses Lager durch einen Luftangriff zerstört. Es überlebten 315 Menschen, von denen wiederum 170 im Tunnel untergebracht wurden. Die (Über-)Lebensbedingungen waren haarsträubend: Dunkelheit, Kälte, feuchte Wände bestimmten den Alltag der Gefangenen. Die Kriegsgefangenen, welche nicht den Weg in den Tunnel antreten mussten, schufteten als Zwangsarbeiter in Kruppschen Betrieben. In den Kriegsjahren versuchten die Nazis, Kriegsgefangene so weit wie möglich auszubeuten. Wie das Beispiel des Tunnels zeigt, waren die Gefangenen dabei in menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht.

Am Südende des Tunnels, wo heute das Gelände der Bezirkssportanlage an der Raumertstraße ist, gab es ein zusätzliches Kriegsgefangenenlager. Hier waren 1500 Menschen aus der Sowjetunion untergebracht. Auch sie wurden als Arbeitskräfte in Kruppschen Betrieben ausgebeutet. Einige von ihnen malochten auf dem Overrathshof, ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tunnel. Um die sowjetischen von den französischen Soldaten abzugrenzen, gab es im Tunnel zeitweise eine Mauer.

Tunnel Grunertstraße 2 Tunnel Grunertstraße 3

Die Zwangsarbeitenden aus Essen-Frohnhausen standen mit ihrem menschengemachten „Schicksal“ nicht allein. Während des Zweiten Weltkriegs zwangen die Nazis mehrere Millionen Menschen, in Deutschland Zwangsarbeit zu verrichten. Die meisten Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen kamen aus Russland und der Ukraine. Die Nazis machten auch vor der Verschleppung von Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Häufig entrissen sie die Kinder ihren Familien. Zwangsarbeiter wurden in der Rüstungsproduktion, der Landwirtschaft, aber auch in öffentlichen Einrichtungen eingesetzt. Die Schwerindustrie – in Essen beispielsweise die Krupp-Betriebe – griffen ebenfalls verstärkt auf Zwangsarbeiter zurück. Meistens wurden sie demütigend behandelt, bekamen nicht ausreichend zu Essen und zu Trinken. Oft wurden sie für ihre Arbeit nicht bezahlt.

Der Historische Verein für Stadt und Stift Essen veröffentlichte 2001 gemeinsam mit dem Stadtarchiv Essen ein Begleitheft mit dem Titel Zwangsarbeit in Essen. Das Heft, welches auch als PDF-Datei erhältlich ist, enthält detaillierte Informationen zum Thema, dazu zahlreiche Fotos. Gerne senden wir euch die Broschüre per E-Mail als PDF zu.

Historischer Hintergrund

In Osteuropa führten die Nazis in den von ihnen besetzten Gebieten Razzien durch. Sie drangen also in Privatwohnungen ein und verschleppten willkürlich Personen, von denen sie annahmen, sie wären den harten Arbeitsbedingungen in Deutschland gewachsen. Um die zahlreichen verschleppten Menschen unterzubringen, richteten die Nazis Zwangsarbeiterlager ein. In menschenunwürdigen Verhältnissen wurden die Menschen hier zusammen getrieben, um tagein, tagaus für das faschistische Regime Hitlers zu schuften. Für Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen galt kein Arbeitsschutz. Bei Bombenalarm durften sie keine Schutzräume aufsuchen. Wer rebellierte, lief Gefahr, in ein so genanntes Arbeitserziehungslager geschickt zu werden. Hier herrschten Zustände, die den Verhältnissen in den Konzentrationslagern stark ähnelten. Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen wurden regelmäßig von ihren Bewachern misshandelt. Bekamen zwangsarbeitende Frauen Kinder, wurden sie in „Ausländerkinder-Pflegestätten“ gebracht. Dort ließen die Nazis die Kinder verhungern.

Die rassistische Ideologie der Nazis floss auch in die Organisation der Zwangsarbeiterlager ein. Häftlinge aus Westeuropa wurden gegenüber „slawischen“ Menschen bevorzugt behandelt. Deshalb auch die räumliche Trennung der französischen und sowjetischen Menschen im Tunnel Grunertstraße.

Zeitungsartikel NRZ 1995 -  Zwangsarbeit in Essen

Ein Zeitungsartikel aus der Neuen Ruhrzeitung (NRZ), in dem es um Zwangsarbeit in Essen geht.

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (++ / anspruchsvoll) Lest euch diese Seite intensiv durch und betrachtet die Gedenktafel. Die Tafel ist verschmiert, die Schrift kaum noch zu erkennen. Verfasst einen Brief an die Stadt Essen, in dem ihr fordert, die Tafel reinigen zu lassen. Begründet euren Antrag mit möglichst vielen Argumenten. Was macht den Tunnel als Gedenkstätte so wichtig, dass er gepflegt werden muss.

2) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Fotografiert den Ort. Versucht, mittels Kamerahaltung und Perspektive etwas zu vermitteln.

3) (++ / anspruchsvoll) Stellt euch vor, die Gedenktafel würde ersetzt. Fällt euch ein passenderer Text ein? Formuliert diesen Text.

Gedenkstein an der Dechenschule

Ecke Siemensstraße / Dechenstraße, 45143 Essen | 51.460625, 6.975650‎ | +51° 27′ 38.25″, +6° 58′ 32.34″

Am 23. Oktober 1944 gab es einen Bombenangriff auf Essen, bei dem 60 Kriegsgefangene, politische Häftlinge und Zwangsarbeiter*innen starben. Die Kriegsgefangenen waren zuvor von den Nazis nach Deutschland verschleppt worden, um als Arbeitskräfte in der Industrie zu malochen. Sie sollten – so das Kalkül der Nazis – die deutschen Männer ersetzen, die als Wehrmachtsoldaten an den Fronten des Zweiten Weltkrieges kämpften bzw. bereits gestorben waren. Die Menschen, die in der damaligen Dechenstraße untergebracht waren, arbeiteten gezwungenermaßen für Kruppsche Betriebe. Trotz der harten Arbeit war ihre Versorgung miserabel. Viele namhafte Unternehmen, die es teils auch heute noch gibt, beuteten die Kriegsgefangenen aus und nutzten deren Rechtlosigkeit und Armut für ihre wirtschaftlichen Zwecke.

Die Dechenschule, in der die Kriegsgefangenen untergebracht waren, wurde durch den Angriff im Oktober 1944 zerstört. Viele der in ihr untergebrachten Zwangsarbeiter*innen und politischen Häftlinge fanden den Tod. Für die Häftlinge galten strenge Regeln, wie dieses Dokument aus der Sammlung Horst Zimmers verdeutlicht.

Den Gedenkstein an der ehemaligen Dechenschule gibt es seit 1962. Er hält nicht nur die Erinnerung an die Verfolgten des Nazi-Regimes am Leben, sondern gemahnt darüber hinaus an das Schicksal aller Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen, die in Essen ums Leben kamen. Der Stein ist zudem ein sichtbares Zeichen für die Völkerverständigung. Er erinnert auch an die Willkür, mit der die Nazis Menschen entwurzelten und in die Fremde verschleppten.

Der Historische Verein für Stadt und Stift Essen veröffentlichte 2001 gemeinsam mit dem Stadtarchiv Essen ein Begleitheft mit dem Titel Zwangsarbeit in Essen. Das Heft, welches auch als PDF-Datei erhältlich ist, enthält detaillierte Informationen zum Thema, dazu zahlreiche Fotos. Gerne senden wir euch die Broschüre per E-Mail als PDF zu.

Come an Dechenschule

Abbé Alphonse Come vor den Trümmern der Dechenschule (Bildquelle: Haus der Essener Geschichte / Archiv Ernst Schmidt).

In der Dechenschule wurde auch der belgische Geistliche Abbé Alphonse Come gefangen gehalten. Er war vom 15. August 1944 bis zum 11. April 1945 inhaftiert. Come war im Rahmen einer Vergeltungsaktion von den Nazis im besetzten Belgien aufgegriffen und verhaftet worden. Über seine Zeit in Essen verfasste Come ein „Tagebuch der Gefangenschaft“. In diesem zeichnete er die miserablen Umstände nach, an denen die von den Hitler-Faschisten verschleppten Menschen litten. Auch der oben beschriebene Bombenangriff sowie dessen Folgen für die Gefangenen wurde von Come detailliert erläutert. Der Abbé hierzu:

„Ich schreibe jetzt unter dem Druck einer tiefen Erschütterung… Von den Kameraden sind 62 tot, fünf vermisst, 45 verwundet…aus einer Gesamtheit von 350 Mann!“

Später erwähnt Come, wie die Gefangenen zu Fuß und ohne Trinkwasser und Nahrung ein neues Lager aufsuchen mussten, in welchem sie von der Gestapo inhaftiert wurden:

„Wir gehen zu Fuß nach Neerfeld. Was für ein Schauspiel – Essen in Trümmer und Asche! […] Im Lager Neerfeld Verzweiflung: 72 Stunden ohne zu trinken, ohne zu essen. Auf dem Wege haben wir einige rohe Rüben genommen. Wie wunderbar sind rohe Rüben!“

Wer mehr über das Schicksal des Belgiers wissen möchte, kann dessen gesamte (Leidens-)Geschichte im Werk „Lichter in der Finsternis“ nachlesen, einem Buch von Dr. Ernst Schmidt. Aus diesem Buch stammen auch die hier aufgeführten Informationen. Aus der Sammlung von Horst Zimmer stammt dieses Dokument; ein Schreiben Comes an den Bürgerverein Altendorf, in dem der Geistliche über seine Zeit als Zwangsarbeiter aufklärt: klickt hier, um das Dokument zu öffnen.

Historischer Hintergrund: Luftkrieg

Den Bombenkrieg – oder auch: Luftkrieg – hatten die Nazis selbst begonnen, um den II. Weltkrieg (1939-1945) für sich zu entscheiden. Ziel des NS-Regimes war es, durch hohe Verluste in der Bevölkerung die Kriegsgegner Deutschlands zum Aufgeben und zum Rückzug aus dem II. Weltkrieg zu zwingen. Gleichzeitig sollten möglichst wenige deutsche Bodentruppen eingesetzt und im Häuserkampf aufgerieben werden. Bereits beim Überfall auf Polen (1939) hatten die Deutschen ihre Luftwaffe eingesetzt. Kurz darauf versuchte das Hitler-Regime, England mit groß angelegten Luftangriffen zu besiegen. Auch wenn die deutsche Luftwaffe an diesem Ziel scheiterte, richtete sie gewaltige Schäden in zahlreichen englischen Städten an. Alleine bei den Großangriffen auf London im September 1940 und im Mai 1941 starben mehr als 40.000 Menschen. Die Royal Air Force (RAF) – Luftwaffe der Engländer – flog ebenfalls Angriffe auf deutsche Städte. So auch auf Essen im Oktober 1944. Die von den Nazis in Gang gesetzte Zerstörung kehrte also nach Deutschland zurück.

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+ / geeignet für Einsteigerinnen und Einsteiger) Lest euch die Infos auf dieser Seite durch. Befragt Menschen, die vorbeigehen, ob ihnen der Gedenkstein schon einmal aufgefallen ist und was sie mit ihm verbinden. Notiert euch die Antworten oder nehmt sie auf, um sie später in eurem Blogeintrag verwenden zu können. Notfalls müsst ihr den Leuten erklären, was sich in der Dechenstraße einst abspielte.

2) (++ / anspruchsvoll) Noch heute gibt es Menschen, welche die Taten der Nazis in Schutz nehmen, verteidigen oder sogar unterstützen. Vor allem neofaschistische Gruppen und Parteien betonen einseitig die deutschen Opfer des Bombenkrieges. Warum tun sie das? Was können wir solchen Menschen antworten?

3) (+ / geeignet für Einsteigerinnen und Einsteiger) Warum betont Abbé Come in dem hier wiedergegebenen Zitat die Köstlichkeit von rohen Rüben? Was sagt dies aus über Zeiten, in denen Krieg und Gewalt herrschen?

4) (++ / anspruchsvoll) Hört euch das Lied „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader an. Welches Bild vom Krieg wird hier gezeichnet? Und wofür ist es „an der Zeit?“

Parkfriedhof

Am Parkfriedhof 33, 45138 Essen | 51.452309, 7.046782‎ | +51° 27′ 8.31″, +7° 2′ 48.42″

Wie bei allen Friedhöfen, die wir in unser Geocaching-Stadtspiel aufgenommen haben, verbergen sich hier gleich mehrere Geschichten.

 

[1] Jüdische Gräber

1941 wurden knapp 36 Grabsteine des ehemaligen jüdischen Friedhofs in der Lazarettstraße zum im Südwesten des Parkfriedhofs liegenden jüdischen Friedhofs überführt. Auf den ehemaligen jüdischen Friedhof in der Lazarettstraße gibt es heute keinen Hinweis mehr. Die Abwicklung des Friedhofs hängt mit dem Versuch der Nazis zusammen, jüdische Kulturgüter aus dem Stadtbild zu verdrängen, sozusagen „vergessen zu machen“.

Parkfriedhof Eingang 1

Hier ist die Eingangshalle des Parkfriedhofs zu sehen.

 

[2] Gräberfelder von KZ-Opfern und Toten des Bombenkriegs; Gedenkstein für sowjetische Kriegsgefangene

Auf den vier Gräberfeldern des Parkfriedhofs liegen 2.045 Opfer des II. Weltkrieges. Im zweiten Feld sind 52 KZ-Opfer beerdigt, im dritten 405 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen, die aus verschiedenen Nationen stammten. Im vierten Gräberfeld sind 213 sowjetische Kriegsgefangene beigesetzt, die in den Jahren 1941-1945 von den Nazis getötet wurden.

Bilder Parkfriedhof

Ein Gedenkstein erinnert an die sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Essen ihr Leben ließen (Bildquelle: Horst Zimmer).

Parkfriedhof Gräber 3

Die hohe Zahl der Gefallenen und durch das Nazi-System ermordeten Menschen auf diesem einen Friedhof sagt mehr als tausend Worte; in der Nähe des Haupteingangs sind die Gräber von 62 Menschen, die in Konzentrationslagern in Essen und Umgebung ums Leben kamen.

 

[3] Die Geschichte des Willi Agatz

Auch einige bekannte Personen fanden auf dem Parkfriedhof ihre letzte Ruhe: Heinrich Imbusch, Repräsentant der christlichen Gewerkschaften (beigesetzt 1945), ebenso Willi Agatz, Funktionär der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO).

Agatz war am 10. Juni 1904 in Heisingen geboren worden; er stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Nach dem er die Schule verlassen hatte, arbeitete er in einer Holzfabrik in Werden. Weil sein Lohn zu gering war, wurde er schließlich 1919 Bergmann. Sein Arbeitgeber war die Zeche Karl Funke in Heisingen. Weil er half, einen Streik zu organisieren, wurde er entlassen. Im Folgenden malochte er auf der Zeche Ludwig in Essen-Bergerghausen. Agatz wurde in die Arbeiterbewegung seiner Zeit hineingeboren – bereits seine Eltern waren in der Sozialdemokratie beheimatet. Bereits als Kind trug Willi Agatz sozialdemokratische Zeitungen aus, übernahm zudem kleinere organisatorische Aufgaben im freien Bergarbeiterverband.

Als 16-Jähriger gründete Agatz eine Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), die als eine der Vorläufer-Organisationen der heutigen SJD-Die Falken gelten kann. Im Zuge des Konflikts zwischen den sozialdemokratisch und kommunistisch orientierten Zweigen der Arbeiterbewegung wurde Agatz Anfang der 1920er-Jahre Kommunist. Wie viele andere setzte er große Hoffnungen auf die junge Sowjetunion, die sich nach einem dreijährigen Bürgerkrieg (1917-1920) zwischen linken und reaktionären Kräften herausgebildet hatte. Von der Gewalt und der massiven Verfolgung Andersdenkender, für die der Sowjet-Kommunismus verantwortlich zeichnen sollte, ahnte der knapp 20-Jährige vermutlich noch nichts.

Während der Hitler-Zeit war Willi Agatz beständigen Schikanen durch die Faschisten ausgesetzt. Er wurde überwacht und inhaftiert, landete schließlich im Konzentrationslager Sachsenhausen sowie im Strafbataillon 999. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war er kurz in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland saß er für die Kommunistische Partei (KPD) im Bundestag, ehe er Anfang der 1950er-Jahre in die DDR auswanderte. Er starb am 28. August 1957.

Die Informationen über Willi Agatz sind größtenteils dem Buch „Lichter in der Finsternis“ des Essener Historikers Dr. Ernst Schmidt entnommen.

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (++ / anspruchsvoll) Der jüdische Friedhof in der Lazarettstraße wurde von den Nazis dem Erdboden gleich gemacht. Entwerft ein Gedenkplakat im Stile eines Wegweisers, der an den Friedhof erinnert. Überlegt, wie euer Wegweiser gestaltet sein könnte (hat er z. B. die Form eines Pfeiles?). Welche Inschrift trägt er? Nutzt das Internet, um herauszufinden, wo sich die Lazarettstraße befindet. Das von euch entworfene Gedenkplakat könnt ihr am 9. November (Jahrestag der Reichspogromnacht) mit auf eine Kundgebung nehmen und den dort Anwesenden erklären.

2) (++ / anspruchsvoll) Fertigt ein kleines Flugblatt an, welches über das Schicksal des jüdischen Friedhofs informiert. Werft dieses Flugblatt in die Briefkästen der Häuser, die heute in der Lazarettstraße stehen. Auf diese Weise zeigt ihr den Anwohnern, was früher an ihrem Wohnort geschah. Ihr könnt das Flugblatt auch an die Lokalredaktionen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) senden, mit der Bitte, in einem kurzen Bericht (z. B. im Lokalteil) an den jüdischen Friedhof zu erinnern. Ihr könnt eigene Fotos zur Verfügung stellen, die ihr zuvor in der Lazarettstraße geschossen habt.

3) (+++ / sehr anspruchsvoll) Zurück im Falkenhaus: kreiert einen Zeitstrahl, der das Leben von Willi Agatz wiederspiegelt. Nutzt das Internet und das Buch „Lichter in der Finsternis“, um noch mehr Jahreszahlen über das Leben des Esseners herauszufinden. Der Zeitstrahl dient zur Veranschaulichung von Agatz‘ Leben. Informiert euch dann über die Entwicklungen hin zur totalitären Diktatur, die sich in der Sowjetunion beobachten ließen. Folgende Leitfragen können euch behilflich sein: 1. Was geschah in den „Moskauer Prozessen 1936-38“? 2. Wodurch zeichnete sich die Herrschaft Josef Stalins aus? 3. Was ist ein „Gulag“? 4. Was ist mit der „Dimitroff-Formel“ gemeint?

In einem letzten Schritt versucht zu erörtern, warum Menschen wie Willi Agatz, die selbst unter staatlicher Bevormundung und Unterdrückung zu leiden hatten, trotz des diktatorischen Sowjet-Regimes dem Sowjetkommunismus die Treue hielten, anstatt sich zu distanzieren.

Zwangsarbeiterlager an der Hamburger Straße

Hamburger Straße 4, 45145 Essen | 51.448016, 6.958033‎ | +51° 26′ 52.86″, +6° 57′ 28.92″

(we have also compiled facts concerning the Hamburger Straße in English)

Die Krupp-Dynastie beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, welche von den Nazis aus den besetzten Gebieten nach Deutschland deportiert worden waren. Im September 1943 gab es insgesamt 13.000 (!) Kriegsgefangene, die in größtenteils menschenunwürdigen Bedingungen hausten und tagtäglich für die Friedrich Krupp Gußstahlfabrik schufteten. Sie waren in provisorischen Lagern untergebracht, umgeben von Stacheldraht. Lager dieser Art gab es über das gesamte Essener Stadtgebiet verstreut. Die Arbeiterinnen und Arbeiter litten unter Mangelernährung. Trotz der nicht ausreichenden Versorgung, mussten sie in den Kruppschen Betrieben Schwerstarbeit leisten.

hamburger straße

In diesem Zeitungsartikel über Dr. Ernst Schmidt sind sowjetische Kriegsgefangene zu sehen, die in der Essener Raumertstraße untergebracht waren. In einem weiteren Artikel Schmidts aus dem Jahre 1995 geht es um Bäume in Essen-Frintrop, in die italienische Zwangsarbeitende 1945 Botschaften geritzt hatten. Ohne Rücksicht und trotz vehementer Proteste wurden diese Bäume vom örtlichen Forstamt gefällt. Der Artikel stammt aus der Sammlung Horst Zimmers.

Eines der Lager für Zwangsarbeitende wurde auf den städtischen Sportplätzen an der Hamburger Straße aufgebaut. Dieses Lager war ab Januar 1943 in Betrieb. In neun Wohnbaracken lebten mehr als 600 Frauen und deren Kinder. Das Lager an der Hamburger Straße wurde bei einem Bombenangriff im April 1944 zerstört. Danach wurde es nicht wieder aufgebaut. Heute steht dort die Elisabethschule (siehe unten).

Elisabethschule I

Elisabethschule Graffiti

Graffiti-Artwork auf dem Schulhof der Elisabethschule

Historischer Hintergrund

Während des Zweiten Weltkriegs zwangen die Nazis mehrere Millionen Menschen, in Deutschland Zwangsarbeit zu verrichten. Die meisten Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen kamen aus Russland und der Ukraine. Die Nazis machten auch vor der Verschleppung von Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Häufig entrissen sie die Kinder ihren Familien. Zwangsarbeiter wurden in der Rüstungsproduktion, der Landwirtschaft, aber auch in öffentlichen Einrichtungen eingesetzt. Die Schwerindustrie – in Essen beispielsweise die Krupp-Betriebe – griff ebenfalls verstärkt auf Zwangsarbeiter zurück. Meistens wurden sie demütigend behandelt, bekamen nicht ausreichend zu Essen und zu Trinken. Oft wurden sie für ihre Arbeit nicht bezahlt.

In Osteuropa führten die Nazis in den von ihnen besetzten Gebieten Razzien durch. Sie drangen also in Privatwohnungen ein und verschleppten willkürlich Personen, von denen sie annahmen, sie wären den harten Arbeitsbedingungen in Deutschland gewachsen. Um die zahlreichen verschleppten Menschen unterzubringen, richteten die Nazis Zwangsarbeiterlager ein. In menschenunwürdigen Verhältnissen wurden die Menschen hier zusammen getrieben, um tagein, tagaus für das faschistische Regime Hitlers zu schuften. Für Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen galt kein Arbeitsschutz. Bei Bombenalarm durften sie keine Schutzräume aufsuchen. Wer rebellierte, lief Gefahr, in ein so genanntes Arbeitserziehungslager geschickt zu werden. Hier herrschten Zustände, die den Verhältnissen in den Konzentrationslagern stark ähnelten. Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen wurden regelmäßig von ihren Bewachern misshandelt. Bekamen zwangsarbeitende Frauen Kinder, wurden sie in „Ausländerkinder-Pflegestätten gebracht. Dort ließen die Nazis die Kinder verhungern.

Die rassistische Ideologie der Nazis floss auch in die Organisation der Zwangsarbeiterlager ein. Häftlinge aus Westeuropa wurden gegenüber „slawischen“ Menschen bevorzugt behandelt.

Der Historische Verein für Stadt und Stift Essen veröffentlichte 2001 gemeinsam mit dem Stadtarchiv Essen ein Begleitheft mit dem Titel Zwangsarbeit in Essen. Das Heft, welches auch als PDF-Datei erhältlich ist, enthält detaillierte Informationen zum Thema, dazu zahlreiche Fotos. Gerne senden wir euch die Broschüre per E-Mail als PDF zu.

Tafel Hamburger Str. II

Die Gedenktafel in der Hamburger Straße

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+++ / sehr anspruchsvoll) Auf dem Schulhof der Elisabethschule befinden sich bunte Graffiti. Gleichzeitig war genau diese Schule ein Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa. Wie könnte ein Graffiti aussehen, welches den Zwangsarbeitenden gedenkt und an ihr Schicksal erinnert? Welche Motive kommen in Frage? Könnte es einen Schriftzug geben, der in das Graffiti eingebettet ist oder reicht die „Sprache der Bilder“ aus? Diskutiert diese Fragen in der Gruppe und fertigt anschließend eine Skizze eures Graffitis an. Guckt euch das Schulgelände genau an: ist noch irgendwo Platz für ein Wandbild?

2) (+++ / sehr anspruchsvoll) Stellt euch vor, das von euch entworfene Graffiti wurde von einem Kunst schaffenden Menschen in die Tat umgesetzt. Ihr seid in der Rolle eines Journalisten und verfasst einen kurzen Artikel über das Graffiti, welches sich nun ebenfalls im Hof der Elisabethschule befindet. So könnt ihr beginnen: „Auf dem Schulhof der Elisabethschule befindet sich seit Anfang des Monats ein Graffiti. Dieses zeigt…“ Gegen Ende des Artikels erläutert ihr Sinn und Zweck des Bilds: „Dem Künstler war folgende Botschaft wichtig:…“

3) (+++ / sehr anspruchsvoll) Ihr befindet euch in der Reflexionsrunde im Ground Zero. Sprecht über die Graffiti-Idee und überlegt, ob ein Gespräch mit der Schule darüber Sinn macht. Vielleicht ist die Schule bereit, ein weiteres Bild zuzulassen und in Auftrag zu geben. Überlegt euch eine Argumentation, die eure Idee stützt.

Mahnmal am EVAG-Betriebshof

Ecke Gerlingstraße / Eiserne Hand 45 / Beuststraße 45, 45139 Essen

51.461120, 7.021161‎ | +51° 27′ 40.03″, +7° 1′ 16.18″

Das Mahnmal ist Teil einer Kriegsgräberstätte der ehemaligen Zeche Graf Beust. 1944 starben hier bei einem Luftangriff auf Essen 99 sowjetische Kriegsgefangene, die als Bergbau-Zwangsarbeiter in einem Luftschutzstollen arbeiten mussten. Die Gebeine der Kriegsgefangenen befinden sich noch heute im Luftschutzstollen. Dieser ist ca. 6-9 Meter tief und knapp 100 Meter lang.

Zeitungsartikel 1984

Ein Artikel von Dr. Ernst Schmidt aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Er beschreibt, wie häufig politische Häftlinge des Nazi-Regimes Opfer des Bombenkrieges wurden.

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Aus diesem Grund wird der 1. September heute noch als Antikriegstag begangen – mensch gedenkt den Verbrechen, die an jenem Datum ihren Lauf nahmen. Die Außenpolitik des Nazi-Regimes war expansiv: es wurde versucht, so viel „Lebensraum“ wie möglich für das „deutsche Volk“ zu gewinnen. Die Nazis strebten nach Weltherrschaft (was sie nicht daran hinderte, „den Juden“ genau dies vorzuwerfen) Dieser neue Raum sollte vor allem in Osteuropa entstehen. Nach der Ideologie der Nazis handelte es sich bei den „Slawen“ um eine minderwertige Rasse. Die Wehrmacht eroberte Polen in wenigen Wochen: Hitler hatte Deutschland in den Jahren 1933-39 systematisch auf Kriegseinsätze vorbereitet – z. B. durch militärischen Drill der Jugend, politische Unterstützung der Schwerindustrie oder rassistische Propaganda. Anschließend unterjochten die Deutschen die polnische Bevölkerung und verbannten deren jüdischen Teil in Ghettos (das berühmteste Ghetto war in Warschau). Viele Jüdinnen und Juden wurden auch ohne Inhaftierung direkt ermordet oder im Laufe der Besatzungszeit in Vernichtungslager wie Auschwitz und Sobibor deportiert.

Die Nazis beuteten die eroberten Länder aus, wo es nur ging. Die Bevölkerung musste Zwangsarbeit leisten, landwirtschaftliche Erträge mussten an die Eroberer abgegeben werden. Viele Menschen wurden nach Deutschland verschleppt, um dort an bestimmten Einsatzorten zu schuften. Im Nazi-Regime gab es zur Zeit des Zweiten Weltkriegs mehrere Millionen Zwangsarbeiter, von denen ein großer Teil aus den besetzten Gebieten stammte.

Der Historische Verein für Stadt und Stift Essen veröffentlichte 2001 gemeinsam mit dem Stadtarchiv Essen ein Begleitheft mit dem Titel Zwangsarbeit in Essen. Das Heft, welches auch als PDF-Datei erhältlich ist, enthält detaillierte Informationen zum Thema, dazu zahlreiche Fotos. Gerne senden wir euch die Broschüre per E-Mail als PDF zu.

Zeitungsartikel 1995 - Zwangsarbeiterin in Essen

Ein Zeitungsartikel, der die Geschichte einer russischen Zwangsarbeiterin beleuchtet (Bildquelle: Horst Zimmer).

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+ / geeignet für Einsteigerinnen und Einsteiger) Lest euch den Zeitungsartikel „Erinnerungen schmerzen noch“ durch. Erstellt eine mind map, in der die aus eurer Sicht typischen Probleme, unter denen die Zwangsarbeitenden zu leiden hatten, vorkommen. Denkt insbesondere darüber nach, welches Wort in der Mitte der mind map stehen soll, was also ihr Ausgangspunkt ist.

2) (++ / anspruchsvoll) Versucht, die einzelnen Stichpunkte auf der mind map sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Wenn ihr eine Linie zwischen zwei Begriffen zieht, könnt ihr mit Pfeilen an den Enden der Linien verdeutlichen, welche Problematiken einander bedingen (z. B. Hunger → Depression).

3) (++ / anspruchsvoll) Fotografiert die mind map und veröffentlicht sie mit Hilfe der Falken-Mitarbeitenden auf dem Blog dieser Website.