Icon Ort Franz-Sales-Haus

Steeler Straße 261, 45138 Essen | 51.448364, 7.041482‎ | +51° 26′ 54.11″, +7° 2′ 29.34″

(the facts given here are also available in English)

Vor dem Hintergrund der Euthansiegesetze und eines dementsprechenden Hitler-Befehls wurden Menschen mit psychischen und körperlichen Erkrankungen aus dem Franz-Sales-Haus abtransportiert. Dies geschah 1938; die Menschen mit Behinderung wurden in eigens dafür vorgesehene Vernichtungsanstalten gebracht und dort getötet. Doch auch innerhalb der Einrichtung fanden menschenverachtende Praktiken statt, wie ein ZEIT-Artikel aus dem Jahre 1987 belegt. Dieses Dokument zeigt, wie zynisch die Nazi-Bürokratie reagierte, wenn sie nach dem Verbleib der Menschen mit Behinderung bzw. deren Wohlergehen gefragt wurde. Das Schreiben entstand 1943.

Deportation von Menschen mit Behinderung durch die Nazis

Ein Auszug aus einem Dokument der Nazis, welches die Deportation psychisch erkrankter Kinder aus dem Franz-Sales-Haus beschreibt (Quelle: Horst Zimmer).

Die Rassentheorie der Nazis ging davon aus, dass menschliche „Rassen“ absterben könnten, wenn sie „ihre“ erkrankten und/oder behinderten Mitglieder nicht ausmerzten. Die Geschichte der Menschheit wurde als biologischer Selektionsprozess gesehen, in welchem sich nur die „stärksten Rassen“ durchsetzten. Zudem wurden Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen als (finanzielle) Belastung für das Nazi-Regime empfunden. Im so genannten „gesunden Volkskörper“ der Nazis hatten Personen mit dauerhaften Einschränkungen keinen Platz. Sie wurden von 1938 an verfolgt und getötet. Insbesondere Personen mit psychischen Erkrankungen wurden auf subtile Art und Weise unfruchtbar gemacht: die Nazis luden sie zu einem scheinbar formellen Gespräch ein. Unter den Tischen, an denen die Gespräche stattfanden, waren Apparate installiert, die Strahlung aussendeten (vergleichbar mit Röntgenstrahlen beim Arzt). Diese Strahlung war auf den Unterleib der Erkrankten gerichtet, wodurch diese – ohne es selbst zu merken – unfruchtbar gemacht wurden.

Auch nach der Niederlage Nazi-Deutschlands im Jahre 1945 ging die deutsche Gesellschaft nicht human mit behinderten Menschen um. Mittlerweile wird auch von den Sprechern des Franz-Sales-Hauses eingeräumt, dass es noch in den 70er-Jahren zu teils brutalen Praktiken gekommen ist, die gegen die behinderten Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses angewandt wurden. Die Einrichtung stellte hier leider keinen Einzelfall dar; deutschlandweit gab (und gibt es womöglich noch immer) „soziale“ Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung wie „Menschen zweiter Klasse“ behandelt wurden (und werden?).

Franz Sales Haus

Aus der Materialsammlung von Horst Zimmer stammt diese Aufnahme des Franz-Sales-Hauses.

Einen schwachen Trost stellt die Rechtslage dar, die sich seit dem Ende des Faschismus in Deutschland kontinuierlich zugunsten der Menschen mit Behinderung gewandelt hat. Heute gibt es sogar eine Konvention der Vereinten Nationen (UN), die die Menschenrechte aller Menschen mit Behinderung festschreibt und an ihre Respektierung appelliert. Auch die Debatte(n) um Barrierefreiheit und Inklusion zeigen, dass es glücklicherweise zahlreiche Personen und Organisationen gibt, die sich für das Wohl behinderter Menschen einsetzen. Nichtsdestotrotz lässt sich immer wieder feststellen: „behindert“ gilt vielen Menschen weiterhin als Schimpfwort.

Franz-Sales-Haus Eingang

Das Franz-Sales-Haus an der Steeler Straße 261

 

Aufgabe für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+ / geeignet für Einsteigerinnen und Einsteiger) Fotografiert die Tafel, die vor dem Haus angebracht ist. Lest euch ihre Inschrift durch und vergleicht sie mit den Infos, die diese Website und der beigefügte ZEIT-Artikel liefern. Was fällt euch auf? Haltet eure Gedanken in Stichpunkten fest.

2) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Tauscht euch über eure Erfahrungen und Erlebnisse mit Menschen mit Behinderung aus. Verdeutlicht irgendeines dieser Erlebnisse, wie willkürlich und wenig entscheidend die „Grenze“ zwischen „behindert“ und „nicht behindert“ ist? Schreibt dieses Erlebnis nieder – vorausgesetzt, der- / diejenige, der / die es erlebt hat, ist einverstanden. Fragt die Mitarbeitenden des Franz-Sales-Hauses, ob sie eure Geschichte in einer hauseigenen Broschüre oder in einem Schaukasten veröffentlichen wollen. Ihr könnt das von euch in Worte gefasste Erlebnis auch über den Blog auf dieser Website publizieren.

3) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Befragt die Mitarbeitenden und / oder die Leiter und Leiterinnen des Franz-Sales-Hauses, was sie über die Misshandlungen wissen, unter den Menschen mit Behinderung bis in die 70er-Jahre hinein zu leiden hatten. Bohrt nach: wie konnte es dazu kommen? Was wird bzw. musste getan werden, um Menschenrechtsverletzungen dieser Art zu vermeiden?

 

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