Icon Ort Druckerei Schmiedel

Rüttenscheider Str. 43, 45130 Essen | 51.440647, 7.006270‎ | +51° 26′ 26.33″, +7° 0′ 22.57″

(the facts given here are also available in English. So are the exercises which you find at the bottom of the following text)

Auf diesem Grundstück befand sich in den ersten Jahren der Nazi-Zeit die Druckerei Schmiedel. Hier wurde unter anderem die kommunistische Tarnschrift „Elektrowärme im Haushalt“ produziert. In ihr war auch die Rede des bekanntes bulgarischen Kommunisten Dimitroff enthalten, die er 1933 in Leipzig im Reichsgericht hielt. Dimitroff war im Zuge des Reichstagsbrandes angeklagt. Das Verfahren endete mit einem Freispruch.

Druckerei Schmiedel

Reidi Lorenz in der Druckerei Schmiedel am Setzkasten. Das Foto entstand 1933; es wurde vom Essener Haus der Geschichte / Archiv Ernst Schmidt zur Verfügung gestellt.

Historischer Hintergrund: Reichstagsbrand

Der Reichstagsbrand ereignete sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933. Ursache war Brandstiftung, wobei die Täterschaft des Angeklagten Marinus van der Lubbe nie einwandfrei geklärt werden konnte. Die Nazis schoben den Kommunisten die Schuld am Brand zu und verhafteten Hunderte politischer Gegner. Die politischen Häftlinge wurden in improvisierten Lagern festgehalten, die strukturelle Ähnlichkeiten mit den späteren Konzentrationslagern aufwiesen. Am 28. Februar 1933 wurde die so genannte Reichstagsbrandverordnung erlassen (ganzer Titel: „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“). Damit waren die Grundrechte der Weimarer Republik weitestgehend außer Kraft gesetzt. Die SA (Sturmabteilung, eine paramilitärische Schlägertruppe der Nazis) und die NSDAP (die Partei der Nazis) konnten ihre Gegner nun leichter verfolgen. Die willkürlichen Verhaftungen wurden von den Nazis als „Schutzhaft“ tituliert, um die Öffentlichkeit über ihre Unrechtmäßigkeit hinwegzutäuschen. Während ihrer Haft in den Gefängnissen und improvisierten Lagern, misshandelten die Nazis ihre Gegnerinnen und Gegner. Einige wurden sogar getötet.

Druckerei Schmiedel II

Auf dieser Druckmaschine wurden die antifaschistischen Flugblätter erstellt (Bildquelle: Essener Haus der Geschichte / Archiv Ernst Schmidt).

Dimitroff-These

Die Druckerei Schmiedel versuchte also, ein Gegengewicht zur Nazi-Propaganda zu sein. Gleichzeitig war es ihr Ziel, kommunistische Perspektiven in der Stadt zu verbreiten. Georgi Dimitroff wurde in erster Linie durch seine umstrittene These bekannt, Faschismus und „bürgerliche Demokratie“ (vertreten auch durch die Sozialdemokratie) seien lediglich verschiedene Ausprägungen des Kapitalismus. In Zeiten sozialrevolutionärer Bestrebungen – so die These – zeige das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht mehr sein bürgerlich-demokratisches, sondern sein faschistisches Gesicht, was mit der Zerschlagung und Unterdrückung der Arbeiterbewegung einher ginge. Für die Bekämpfung der rebellierenden Arbeiterinnen und Arbeiter seien auch die Sozialdemokraten in verschiedenen historischen Situationen verantwortlich gewesen. Was heute – zumindest mit Blick auf die Sozialdemokratie – empörend klingt, war in den 1920er-Jahren nicht völlig von der Hand zu weisen. So wurden kommunistische Organisationen mit Nachdruck von der Sozialdemokratie bekämpft, der kommunistische Rotfrontkämpferbund 1929 in Berlin gar verboten, während die SA weiterhin marschieren durfte. Auch zu Zeiten der Novemberrevolution 1918 spielte die SPD eine unrühmliche Rolle, als sie rätesozialistisch gesinnte Gruppierungn mit Hilfe der Reichswehr und rechtsradikaler „Bürgerwehren“ (Freikorps) niederwarf.

Wimpel der Revolutionären Gewerkschaftsorganisation

Spaltung der Arbeiterbewegung

Ein Wimpel der „Revolutionären Gewerkschaftsopposition“ (RGO), ausgestellt im Essener Haus der Geschichte. Die RGO wurde 1928/29 als revolutionäre Alternative zu den etablierten Gewerkschaften des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) gegründet. Sie stand der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) nahe. Der historische Hintergrund war die wachsende Gegnerschaft zwischen sozialdemokratisch und kommunistisch eingestellten Beschäftigten. Dieser Bruderstreit innerhalb der Arbeiterbewegung verschärfte sich Ende der 20er-Jahre und machte auch vor den gewerkschaftlich organisierten Arbeitenden nicht Halt. Rückblickend betrachtet war die Fehde in der Arbeiterschaft ein Sargnagel der Weimarer Republik. Auf dem Höhepunkt der Zwistigkeiten bezeichneten KPD-Anhänger die Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“, dessen Ziel die Unterdrückung der kommunistisch organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter sei. Hintergrund der Querelen war die starke Identifikation der SPD mit der Weimarer Republik, während die KPD letztere zugunsten eines kommunistischen Systems abschaffen wollte. Fairerweise muss ergänzt werden, dass nicht alle Kommunistinnen und Kommunisten der damaligen Epoche Lenins Sowjetunion vorbehaltlos kopieren wollten. Viele kritisierten die autoritäre Spielart des Kommunismus, die sich in Russland durchgesetzt hatte. Aus diesem Grund entstanden innerhalb der kommunistischen Bewegung mehrere Strömungen, die verschiedene Formen des Sozialismus favorisierten. Letztlich nutzte die Spaltung der traditionell linken Wählerschaft vor allem den Nazis, denen schließlich 1933 die Macht übertragen wurde. Eine 12 Jahre währende faschistische Schreckensherrschaft war die Folge. Besonders in den ersten Jahren des Nazi-Regimes zählten sozialdemokratische und kommunistische Menschen zu den aktivsten Gegnern Hitlers, was das Beispiel der Druckerei Schmiedel beweist.

 

Aufgaben für Jugendgruppen / Schulklassen

1) (+ / geeignet für Einsteiger und Einsteigerinnen) Lest euch die Informationen durch und hört „Mein Vater wird gesucht„, ein Lied, welches vom Widerstand gegen das Nazi-Regime handelt. Macht euch Notizen zu dem Lied: was ist dem Vater der Sängerin widerfahren? Welche Befürchtungen, aber auch: welche Hoffnungen scheinen durch? Könnte es Reidi Lorenz ähnlich ergangen sein, nachdem die Nazis ihn dingfest gemacht hatten?

2) (++ / anspruchsvoll) Nichts deutet heute mehr auf die Druckerei Schmiedel hin. Formuliert einen Antrag an die Stadt Essen, eine Gedenktafel anzubringen. Liefert Gründe für die Notwendigkeit einer solchen Tafel. Befragt Passantinnen und Passanten, ob sie sich ebenfalls für mehr Erinnerungskultur stark machen würden. Erläutert ihnen vorher, was in dem Haus mit der Nummer 43 einst geschah.

3) (+++ / sehr anspruchsvoll) Juni 1933. Seit fast einem halben Jahr sind die Nazis an der Macht, ihr Terror gegen die demokratischen Kräfte nimmt immer weiter an Fahrt auf. Ihr seid Reidi Lorenz und arbeitet just in diesem Moment an einer Flugschrift. Ihr wollt auf die Gefahren, die von Hitler und seiner Bewegung ausgehen, hinweisen. Formuliert einen Text und diskutiert, wie und wo die Flugblätter am besten verteilt werden können.

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